Kabul wächst links die ehemalige englische Botschaft

Kabul am Abend, im Hintergrund Hotel Interkontinental

Kabul nach Süden, unten ehemalige deutsche Reisebusse

Kabul - in Afghanistan fahren die deutschen Reisebusse noch mehr als 15 Jahre

... kurz nach dem Anschlag

die erste UniKlinik Afghanistans - heute Kriegsruine

Osteosynthese auf pakistanisch

typischer improvisierter Krankentransport in Afghanistan

Visite auf der Frauenstation Orth.UniKlinik Kabul

im OP-Saal der Chir.UniKlinik Kabul

die Morgensprechstunde beginnt, der Sohn begleitet seine Mutter

die Frau kann seit 6 Monaten wegen Beinschmerzen nicht mehr laufen

afghanischer improvisierter Rollstuhl

Morgensprechstunde, zahlreiche MRT´s und Rö. müssen ausgewertet werden

Hüftarthrodese auf afghanisch

die OP kann beginnen, am besten alles selbst noch einmal kontrollieren

auch in Afghanistan sind mikrochir. Bandscheiben-OP´s möglich

nach Beginn der HWS-OP, der Anästhesist kann jetzt in Ruhe seine Telefonate führen

bei der HWS-OP, immer wieder muss man ein vergessenes Instrument aus dem Hintergrund holen

die Spondylodese C3-C4 ist fast fertig, der Rö.BV funktionierte auch ...

nachts 2.30 Uhr im Emergency-Room der UniKlinik Kabul

ein 14 jähriges Mädchen mit einer progredienten Querschnittlähmung bei Schußbruch der LWS

der Einschuß rechte Flanke

nach der OP - das geborgene Projektil

am Entlassungstag, ein L5 und S1 Syndrom re. verblieben zurück

das 10.Orthopädie-Symposium in der Aula der Uni.Kabul, Monisa F. hilft beim Übersetzen des Vortrags

wir müssen auch Visite in der Hautklinik machen, Junge mit schwerer Lymphadenitis

Hautklinik Kabul - 40 Jähriger - evtl. fortgeschrittene Leishmaniose

... die Bilder von ihm sandten wir telemedizinisch an die Uni.Hautklinik Jena

Besuch im berühmten Irene-Salimi-Kinderkrankenhaus Kabul, davor unser Toyota

... das Hospital wird von einem deutschen Ehepaar seit 11 Jahren perfekt geführt

...auch im Militärkrankenhaus Kabul benötigte man mehrfach unsere Hilfe

vor dem Denkmal für die Verwundeten und gefallenen Sowjetsoldaten auf dem Gelände des Militärkrankenhauses

afghanische Hochzeit, als Ehrengäste dürfen wir sogar in den Frauensaal

Smalltalk mit Roya Doost, einer populären afghanischen Sängerin

Einkaufsbummel, Teppiche mit mitteleuropäischen Motiven in Kabul

in der Kabuler Altstadt

immerhin - die öffentlichen Telefone funktionieren

Schuhe für afghanische Schulmädchen in einer Mädchenschule

die glänzenden Lackschuhe sind am begehrtesten

Ausflug nach Jalalabad an der pakistanischen Grenze

der Krieg ist auch in der Nähe von Kabul allgegenwärtig - Panzerschrottplatz nördlich von Kabul

freitags Ausflug in den Hindukusch

und auf dem Rückweg Picknick in einem Weingut, während die Männer tafeln ...

... dürfen die Mädchen auftafeln und später abräumen

Reisebericht Afghanistan Nov. 2014

von Dr. C. Eisfeldt

Erst einmal vielen Dank für die zahlreichen Sachspenden für den Afghanistaneinsatz (namentlich möchte ich hier die Berg- u. Talstation, aber auch den OP nennen), den meisten Teil konnten wir direkt verbrauchen, den Rest verschenkten wir an die 3 Krankenhäuser, in denen wir tätig waren.

Für mich war es nun das 10.Jahr des Direkteinsatzes in Afghanistan seit Gründung unserer NGO (Afghanisch-Deutscher-Ärzte-Verein Weimar e.V.) im Jahre 2004, diesmal reisten wir (die Stammmannschaft sind Dr.A.Mosafer, ein Oberarzt der Wirbelsäulenchir. Klinik Bad Berka und ich) zusammen mit einem Kollegen aus dem St. Petrus-Krankenhaus Bonn, der sich gut auf dem Gebiet der Sportmedizin und Arthroskopien auskennt, zwei OP-Schwestern aus Bad Berka, die partout noch mitwollten, scheiterten am Visum. Schon allein das Erlangen eines Einreisevisums für Afghanistan ist ein Kapitel für sich. Diesmal ging der Flug via Istanbul (Direktflüge aus dem Westen gibt es seit 3 Jahren nicht mehr) über den schneebedeckten Hindukusch nach Kabul, das zu unserer Überraschung durch einen frühen Wintereinbruch sich ebenfalls in Schnee präsentierte. Allerdings verdunstete dieser in den nachfolgenden Tagen bei strahlendem Sonnenschein rasch. Ich liebe schon deswegen die Novembereinsätze in Afghanistan, weil erfahrungsgemäß konstant bei milden Temperaturen tagsüber die Sonne scheint, also ähnlich einem Goldenen Oktober in Deutschland, nur nachts wird es bitterkalt (Kabul liegt auf einer Höhe von 1800 m ü.M. – deswegen gab es dort nie Malaria !). Eine weitere nette Überraschung am Flughafen: normalerweise bekommen alle Zöllner und andere Personen, die uns ihre Dienste aufdrängen wollen, leuchtende Augen, wenn sie unsere zahlreichen Kisten und Koffer mit den Hilfsgütern erblicken, jedes Jahr werden neue Hürden erfunden, z.B. dass man angeblich keine Genehmigung zur Einfuhr hat (das Argument, den eigenen afghanischen Landsleuten zu helfen, hat noch nie gefruchtet), mit anderen Worten, das Problem der Einfuhr muss „afghanisch“ gelöst werden. Dieses Jahr hat jedoch der neue afghanische Präsident Ghani Ahmadsai ausdrücklich der Korruption den Kampf angesagt und viele hohe Beamte (die beim Handaufhalten erwischt wurden) medienwirksam gefeuert, so dass zumindestens die Staatsbediensteten nur sehr scheu den ihnen angeblich zustehenden Bakschisch einfordern, was uns diesmal viele Dollar und Nerven ersparte.

Wie jedes Jahr waren wir Gast bei einem reichen afghanischen Clan und konnten in einer schönen alten Kabuler Stadtvilla wohnen, ich war schon fast süchtig nach dem morgendlich frischen Fladenbrot (welches 50 m weiter in einer traditionellen Bäckerei mit offenem Feuer gebacken wurde) mit zahlreichen Marmeladen und Honig, und natürlich auf den Tee, den man hier zu jeder Gelegenheit Tag und Nacht trinkt (der nur schwer zu bekommende Kaffee schmeckt scheußlich). Mit ihren PKW ´s Toyota (wahrscheinlich werden alle Toyotas der Welt in Afghanistan entsorgt) konnten wir dann auch (natürlich in afghanischer Tracht) nach Norden nach Mesar-e-Sharif und nach Osten nach Jalalabad bis an die pakistanische Grenze reisen, erstaunlicherweise wissen sie meistens, welchen Ort an welchem Tag man meiden sollte … hatte aber eines morgens früh nicht geklappt, da standen wir zufällig 700 m von einem voll mit Sprengstoff beladenen LKW entfernt, mit denen 2 Selbstmordattentäter das Tor zu einem Militärlager aufsprengten, mir fiepten noch bis abends die Ohren. Trotz der allgegenwärtigen Anschläge, die sich in der Regel immer gegen Militär, Polizei oder Politiker richten, geht in Kabul scheinbar unbeeindruckt das Tagesgeschehen weiter, d.h. chaotischer Verkehr, aber mittlerweile ein Bauboom, der seinesgleichen in der Welt sucht. 2005 bei meinem ersten Aufenthalt bestand die Stadt vorwiegend aus Ruinen, der Flugplatz war abseits der Rollbahnen mit abgeschossenen Hubschraubern und Granattrichtern übersäht, jetzt muss man Andenken an den Krieg schon suchen, im Zentrum stehen zahlreiche moderne Hochhäuser, und immerhin entstanden zahlreiche Baumalleen und einzelne Parks mit Folge der Besserung der Luft, so dass man sich nicht jeden Abend die Haare auf Grund des Lehmstaubes waschen muss. Übrigens, bis 1979 galt Kabul, damals noch für den Orient unheimlich liberal mit knapp 600.000 Einwohnern, umgeben von 3 Seen, als Luftkurort, jetzt drängeln sich hier 3,3 Millionen Leute (im Großraum Kabul sind es 4,9 Mio.), die Seen wurden ausgetrocknet (der Kabul-River ist nur noch ein stinkendes Rinnsal) und das dadurch entstehende Land bebaut, ebenso die umgebenden Berge, weil Kabul , abgesehen von Herat, der großen unzerstörten Stadt im Westen, eine Art von Sicherheit und kultureller Infrastruktur bietet, ganz im Gegenteil hierzu präsentiert sich Kundus nach Abzug der Deutschen Truppen, möglicherweise wird es Mesar-e-Sharif ebenso ergehen.

Nun zum eigentlichen Einsatz !  Traditionell arbeiten wir in 2 Kliniken, nämlich einmal im Militärkrankenhaus und dann in der Orthopädischen Uni.Klinik Kabul (d.h. in der Klinik für Allgemeinchirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie). Voriges Jahr kam dann noch das Afghan-German-International-Hospital hinzu, auf diesen bombastischen Namen (der Hinweis auf deutsche Ärzte zieht immer !) konnten die Besitzer es taufen, weil tatsächlich ein deutscher Orthopäde 9 Monate lang dort arbeitete. Für uns kam es deshalb in Frage, da wir dort rund um die Uhr einen hygienisch tolerablen OP-Saal mit sogar intaktem Röntgenbildwandler zur Verfügung gestellt bekamen und ein pfiffiger OP-Oberpfleger uns unterstützte. Im Militärhospital stehen wir oft hinten an und in der UniKlinik lassen die katastrophalen hygienischen Zustände seit 4 Jahren nach unserem Hygieneverständnis keine OP´s mehr zu. Wie sieht unser Tagesablauf aus ? Früh gegen 08.00 Uhr Beginn mit der Visite in der jeweiligen Klinik, die afghanischen Kollegen stoßen ca. 1 Stunde später hinzu. Überhaupt muß man bezüglich des Beginns einer Maßnahme in Afghanistan immer 1 bis 1,5 Stunden hinzurechnen, bis das vereinbarte Ereignis, ob nun der Beginn einer Operation, der Besuch in irgendeinem Ministerium oder am Freitag ein Ausflug in den Hindukusch losgeht. Nach der Visite dann immer „schön mit orientalischer Ruhe und Gelassenheit“ 2 bis 3, manchmal sogar 4 Operationen, dieses Jahr standen relativ viele Arthroskopien, Sekundäroperationen nach Schuss- und Minenverletzungen bzw. nach Unfällen und Wirbelsäulenoperationen wie Nukleotomien bei Bandscheibenvorfällen bzw. Versteifungsoperationen an. Eigentlich alles geplante Fälle, aber es kam wie jedes Jahr. Je länger wir da waren, häuften sich Anfragen zur Versorgung akut Verletzter, diesmal ein 14 jähriges Mädchen, die zusammen mit ihrer Schwester in Kandahar im Süden zufällig in einen Schusswechsel geriet, ihre Schwester überlebte es nicht, sie erlitt einen seitlichen Steckschuß in den 5.LWK, z.T. in den Spinalkanal mit der Folge einer akuten inkompletten Querschnittlähmung. Einen Tag später konnten wir das Projektil und alle Trümmer (Metall und Knochensplitter) aus dem Rückenmarkkanal entfernen, es verblieb eine Teillähmung des rechten Beins, die Wunden verheilten problemlos, mittlerweile kann sie wieder ohne Hilfsmittel, wenn auch stark humpelnd gehen. Abends hieß es dann Sprechstunde, wobei es ziemlich nervend war, dass die vorsortierten Patienten (die Auswahl treffen wir bereits in Deutschland per Telemedizin) immer eine Reihe von Angehörigen mitbrachten, die blumig und breit über ihre Beschwerden berichteten. Und unsere netten afghanischen Kollegen ? Die waren spätestens (bis auf den Anästhesisten) 14.00 Uhr in ihren Privatpraxen verschwunden, nicht ohne vorher „ihre gerechte Aufwandsentschädigung in Dollar“ von den Patienten „einzusammeln“, immerhin hatten sie sie ja mit uns, den „famous German Doctors“  zusammengeführt. Überhaupt weiß der stolze durchschnittliche männliche Arzt „alles und kann alles“, auch die schwierigste Wirbelsäulenoperation und „kann somit von uns überhaupt nichts mehr lernen“. Ganz anders die Ärztinnen, diese sind wissbegierig, demütig und fleißig, in den Jahren 2008, 2009 und 2010 hatten wir in der Gyn. UniKlinik Kurse zur Sonographie der Babyhüften durchgeführt, dies war ein echter Erfolg. Ganz anders dagegen bei den Männern, vor 4 Jahren organisierten wir einen Kurs „Sonographie der Bewegungsorgane“ und dieses Jahr einen Arthroskopiekurs – immer das gleiche, beim ersten Mal kamen, wenn auch 30 min zu spät, ca. 4 (!) Ärzte, beim zweiten Mal standen wir alleine da. Und zu ihren diagnostischen Fähigkeiten, allein mit ihren 6 Sinnen zu arbeiten, will ich mich nicht weiter äußern. Per Gesetz ist medizinische Behandlung in Afghanistan kostenlos, aber das steht nur auf dem Papier. Egal, wo Du hingehst, ob nun ins Krankenhaus, in eine Arztpraxis oder Medikamente kaufen willst, überall musst Du „schmieren“, das betrifft auch die pflegerische Betreuung, Essen im Krankenhaus u.s.w.  Da verwundert der schlechte Ruf des afghanischen Gesundheitswesens überhaupt nicht, hinzu kommt noch die katastrophale Hygiene und die Unfreundlichkeit des medizinischen Personals (schon allein in dieser Hinsicht leben wir in Deutschland auf einer Insel der Glückseligen !). Wer also etwas Geld hat, fährt als Medizintourist ins benachbarte Pakistan (um dort gnadenlos ausgenommen zu werden), wer zum oberen Mittelstand gehört, fliegt nach Indien oder nach Russland (neben den deutschen habe indische und russische Ärzte traditionell einen guten Ruf), die Superreichen einschließlich der Warlords in die USA oder nach Europa. Indien („Hindustan“) ist für die Afghanen sowieso das Land der Verheißung („in Indien ist alles besser bzw. alles gut“), Bollywood-Filme und Familien-Soaps mit zahlreichen Intrigen laufen auf allen Fernsehsendern. Mittlerweile haben auch viele indische Kollegen die Möglichkeit erkannt, in Afghanistan Geld zu verdienen, die radiologischen Großpraxen in Kabul sind fest in ihrer Hand, dieses Jahr arbeitete in der oben genannten Afghanisch-Deutschen-Privatklinik erstmals auch ein indischer Orthopäde (aus New Delhi), der dort arthroskopierte und mutig Hüftprothesen, Knieprothesen und Schulterprothesen implantierte. Er schenkte uns Knochenzement, den wir dummerweise in Deutschland liegen gelassen hatten. Ich bin ja gespannt, wie nächstes Jahr seine Ergebnisse aussehen.

War nun der Tag mit der Sprechstunde beendet ? Mitnichten, denn jeden Abend bekamen wir mindestens 2 Einladungen – entweder zum Abendessen in einer Familie, zu afghanischen Hochzeiten oder ganz einfach auf Partys der Internationalen Gemeinde Kabuls, mittlerweile wieder untermalt mit traditioneller, manchmal auch Afghano-Pop-Life-Musik. Zum Essen nur so viel: es ist verrückt, in einem Land, wo ¾ der Bevölkerung nicht satt wird, Menschen sogar verhungern (und im Winter erfrieren), gibt es (meiner Meinung nach) die beste und vielfältigste Küche der Welt, angelehnt an die traditionelle persische Küche, dazu noch gesund ohne Konservierungsstoffe. Ein Schwein bzw. Schweinefleisch habe ich in den ganzen 10 Jahren in Afghanistan nicht gesehen. Ich kann einfach nicht verstehen, dass viele Afghanen in eine vor 2 Jahren eröffnete Filiale einer bekannten amerikanischen Fastfoodkette strömen und dort ihr Geld lassen. Übrigens, seit ca. 5 Jahren steigt die Inzidenz von Diabetes mellitus in Afghanistan dramatisch an. Nachts ist es ein besonderer Nervenkitzel, mit ca. 130 km/h durch Kabuls Straßen zu rasen, ab 23 Uhr gleicht Kabul einer Geisterstadt bei selbst auferlegter Ausgangssperre der Bewohner. Erstaunlich, dass wir dieses Mal weder in eine Polizei- noch Militärsperre gerieten.

Was haben wir dieses Jahr „noch Gutes in Afghanistan geleistet“ ?  Wie immer organisierten wir das Afgh.-Deutsche Orthopädiesymposium in der Medizinischen Uni. Kabul, mittlerweile ein festes Datum jährlich im November, zu dem Kollegen aus allen Landesteilen anreisen. Auf dem großen Plakat stand diesmal statt „Universitätsklinik Jena“ – wenn auch durch zahlreiche Rechtschreibefehler entstellt „orthopädische Kinderklinik Aschau“, was mir völlig unverdient den Ruf „als pädiatrischer Spezialist“ einbrachte und ich nebenbei zahlreiche pädiatrische Fälle vorgestellt bekam. Thema des Symposiums war die Etablierung der Telemedizin in Afghanistan, denn wahrscheinlich nur so lassen sich viele Probleme effizient lösen (Hochleistungsinternet ist – bedingt durch die militärische Intervention - seit 2001 in jedem Winkel von Afghanistan verfügbar !). Obligatorisch mussten wir auch 3 Gastvorlesungen halten, 2/3 der jetzigen medizinischen Studienjahre sind in Afghanistan (wie auch in Deutschland) weiblich, aber diese Aufgabe machte ja immerhin Spaß. Dann besuchten wir Kinder, die ehemals über Friedensdorf in Deutschland in Kliniken im Bonner, Weimarer und Jenaer Raum versorgt wurden und bekamen so einen Eindruck, wie das Leben in einem Afghanischen Dorf funktioniert. Nicht zuletzt für uns (aber auch für unseren Gastclan) starteten wir medienwirksam wie vor 2 Jahren eine Direkthilfe – Schuhe für Schulmädchen – natürlich in einer Mädchenschule im Einflussgebiet „unseres“ Clans, und kamen so ins Afghanische Staatsfernsehen zur besten Sendezeit. Überhaupt gilt für die Dritte Welt und alle NGO´s der Grundsatz: arbeite mit den Reichen zusammen, „denn wer reich ist, gilt auch als klug“ – wie es schon so schön in einem bekannten Musical heißt, wahrscheinlich eher, wer reich ist, hat Einfluss und dem öffnen sich Türen und Tore, die anderen verschlossen bleiben.

Noch ein paar Worte zu meinem Lieblingsthema „Frauen in Afghanistan“:  Grundsätzlich stehen Frauen und Mädchen dort auf der untersten sozialen Stufe, der Mann kann mit ihnen machen , was er will, sie haben sich in der Öffentlichkeit demütig zu verhalten und dürfen nur reden, wenn sie gefragt bzw. dazu aufgefordert werden. Bis 2001 war es ihnen nicht erlaubt zu arbeiten bzw. am sozialen Leben teilzunehmen, was noch heute viele Probleme bereitet. 2005 bei meinem ersten Aufenthalt huschten die meisten von Ihnen noch in einer Burka verhüllt gebeugt und möglichst lautlos durch Kabuls Straßen. Dieses Bild hat sich total gewandelt. Seit 2011 wandelt Frau möglichst mit einer Freundin durch Kabuls Straßen zum Shoppen, modische Kopftücher (die nur den hinteren Teil des Haares bedecken), elegante Mäntel und hautenge Hosen bzw. lange enggeschnittene Kleider betonen mehr, als dass sie die weiblichen Formen verhüllen und es wird ununterbrochen mit der Freundin oder am Handy geschwatzt. Das moderne Mobile ist das neue Statussymbol der Afghanen, jeder – ob arm oder ob reich, besitzt mindestens 2 Handys. Vor den neuen Kaufhausgalerien reichen uns Verkäuferinnen Duftstreifen. Dieses Jahr sah ich zum ersten Mal in Afghanistan Frauen am Steuer eines Autos, und zwar allein (!) im Auto. Bei Familienfeiern der Mittelschicht nehmen mittlerweile wie selbstverständlich alle Frauen und Mädchen mit teil (und zwar sehr lautstark !), noch vor 5 Jahren völlig undenkbar, sie hatten damals die einzige Aufgabe, die köstlichen Speisen zuzubereiten, schnell zu servieren und dann schnell abzuräumen. Allerdings gab und gibt es in Afghanistan immer eine kleine Gruppe von Frauen (so ca. 5%), die über den gesellschaftlichen Grenzen stehen, es handelt sich hierbei fast immer um gut ausgebildete Exilafghaninnen mit 2 Pässen, in der Regel aus bekannten oder reichen Familien stammend. Ihnen liegt die Männerwelt zu Füßen, ihnen öffnen sich Schranken, die auch vielen Männern verschlossen bleiben. So z.B. Monisa F., mit der wir seit 2005 zusammenarbeiten, die in Deutschland Jura und Medizin studierte, in Afghanistan aber als schöne und strenge Jurorin bei „Afghanistan sucht den Superstar“ (ähnlich Dieter Bohlen) jedem aus dem Fernsehen bekannt ist. Mit ihr kommen wir ohne Probleme ins Regierungsviertel und noch viel wichtiger, ins Kabuler Militärkrankenhaus, was meines Wissens nach noch keine andere NGO (und da tummeln sich ca. 400 in Afghanistan) geschafft hat., sie macht uns mit einflussreichen Persönlichkeiten bekannt. Dieses Jahr hatte ich das Glück, persönlich mit Roya Doost Bekanntschaft zu machen, eine in Afghanistan, aber auch in Deutschland und England sehr populäre Sängerin (einfach Musikvideos vor ihr auf YouTube ansehen !), die sich für Mädchen in Weisenhäusern engagiert, von ihrer Energie und Ausstrahlung war ich sofort hingerissen.

Tja, das klingt alles so, als ob es in Afghanistan steil aufwärts geht ! Ist aber leider nicht so, betrachten wir nur einmal das Gesundheitssystem. Über die Ärzte hatte ich mich ja bereits weiter oben ausgelassen. Übrigens, trotz des allgemeinen Arztmangels (und die wenigen Ärzte konzentrieren sich in der Regel in den großen Städten) gibt es eine Arztgruppe im Überfluss, in Deutschland würden wir von einer extremen Überversorgung reden. Nein – es sind nicht die Hausärzte und schon gar nicht Kinderärzte – sondern Plastische und Schönheitschirurgen. An jedem großen Platz bzw. an bester Lage in den Städten hängen übergroße Schilder mit Werbung für Nasenkorrekturen, Lippenkorrekturen , Botoxinfiltrationen im Gesicht und Hals und Haartransplantationen in Praxen, die sich überschwenglich Beauty-Kliniken nennen. Jeder Afghane so bis zum 40.Lebensjahr gibt Unmengen an Geld dafür aus, und Achtung ! die Hälfte davon sind Männer. Was die Pfleger in den Kliniken betrifft, kann ich sie nur loben, sie sind die eigentliche Stütze des Krankenhauses, während ich Krankenschwestern dagegen als unzuverlässig und arbeitsunwillig erlebt habe, vielleicht eine Folge des Talibanregimes. Nächstes Problem: Medizinische Geräte, z.B. Röntgenbildwandler, Argonbeamer, Arthroskopietürme, Geschenke aus aller Welt, werden einige Male benutzt, aber ohne richtige Einweisung und ohne die nötige Sorgfalt, geht auch nur ein Knopf kaputt, d.h. funktionieren sie nicht mehr, kümmert sich keiner mehr um sie, es gibt auch keinen Medizintechniker unter den Afghanen, der sie reparieren könnte. Die Nachbehandlung nach Operationen kann man als gleichgültig und oberflächlich bezeichnen, in der Regel müssen sich die Angehörigen um die Patienten kümmern. Eine orthopädietechnische Versorgung wie bei uns gibt es annähernd  nur im Militärkrankenhaus bzw. Krankenhaus für Militärveteranen in Kabul, diese hat aber den Charme der Krüppelfürsorge in Deutschland nach dem 1.Weltkrieg. Ergometrie ist in Afghanistan völlig unbekannt, die einzige physiotherapeutische Abteilung habe ich im Irene-Salimi-Kinderkrankenhaus gesehen, allerdings handelt es sich um ein sehr gut von einer Deutschen Stiftung in Form eines deutschen Ehepaars geführten Krankenhauses.

Fazit:  Auch der Einsatz 2014 war ein Erlebnis an sich, der einen Blick auf die Probleme in der Welt ganz anders erscheinen lässt, wie immer bei der Rückkehr nach Deutschland empfinde ich die hier diskutierten Probleme als lächerlich klein gegenüber den dortigen und wir sollten ewig dankbar sein, in Mitteleuropa leben zu dürfen.

 

 

Dr. C.Eisfeldt